Artikel auf SZ.de von Klaus Ott:
„Die Trasse sei „enorm wichtig“ und könnte in den 30er-Jahren fertig sein, sagt Schienennetzchef Philipp Nagl. Ob das den umstrittenen Brenner-Nordzulauf überflüssig macht, muss der Bundestag entscheiden.
Verspätungen sind die Fahrgäste der Bahn ja gewohnt, auch auf der Strecke von München über Mühldorf nach Freilassing. Aber dass ein Zug schon seit 26 Jahren überfällig ist und noch ein paar weitere Jahre hinzukommen, das dürfte ein trauriger Rekord sein. Seit dem Jahr 2000 warten die Menschen im östlichen Oberbayern vergeblich auf die erste Bahn mit Elektroantrieb, der von München über Mühldorf bis zur österreichischen Grenze fährt. Der CSU-Politiker Wolfgang Gröbl hatte 1991 als Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium den weitgehend zweigleisigen Ausbau und die Elektrifizierung dieser Trasse bis zum Jahr 2000 angekündigt. Seitdem werden die Bewohner entlang der Strecke, die Kommunalpolitiker dort und die Wirtschaft ein ums andere Mal hingehalten.
Doch jetzt ergibt sich die Chance, das Projekt voranzubringen. Die Deutsche Bahn (DB), deren Schienentochter DB Infrago das Streckennetz betreibt, will den Ausbau der Trasse München – Mühldorf – Freilassing angehen. Das Vorhaben sei „enorm wichtig“, sagt Philipp Nagl, Vorstandschef der DB Infrago. „Wir könnten den zweigleisigen Ausbau und die Elektrifizierung etappenweise umsetzen und in den 30er-Jahren damit fertig sein.“
Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung beschreibt Nagl die vielen Vorteile dieses Projekts. „Wir sind mit den Planungen und Vorarbeiten dort schon vergleichsweise weit.“ Mit mehr Nahverkehr und einem besseren Nahverkehr wäre das für die Region „ein großer Effekt“. Zudem kämen die Fahrgäste „auch schneller mit dem Zug von München nach Wien“. Der Ausbau dieser Trasse wäre „ein großer Kapazitätsgewinn für alle: Regional-, Fern- und Güterverkehr“. Der Brenner-Nordzulauf wird von vielen Anwohnerinnen und Anwohnern vehement abgelehnt.
Nagl sagt, der Ausbau der Mühldorfer Trasse sei neben der zweiten Stammstrecke der Münchner S-Bahn „und dem Brenner-Nordzulauf eines der bedeutendsten Großprojekte in Bayern in den nächsten Jahren“. Sonst sagt Nagl nichts über den Brenner-Nordzulauf von München über Rosenheim nach Kufstein, einem der größten Bahnprojekte in Mitteleuropa. Die Trasse von München über Rosenheim nach Kufstein soll teils ausgebaut, teils neu gebaut werden; mit langen Tunnelstrecken. Damit von Deutschland aus genug Züge zum Brenner-Basistunnel fahren können, der voraussichtlich 2032 fertig wird. Vor allem für den Güterverkehr wäre ein Flaschenhals in Deutschland ein großes Hindernis.
Das Geld, das die Bundesregierung für den Ausbau der Bahn gibt, reicht bis weit in das nächste Jahrzehnt hinein mit Sicherheit nicht für beide Projekte. Das Mühldorfer Projekt wird vom Bundesverkehrsministerium mit knapp fünf Milliarden Euro kalkuliert. Der Brenner-Nordzulauf würde nach neuesten Berechnungen der Deutschen Bahn mindestens rund 8,5 Milliarden Euro kosten. Vorsorglich plant die Bahn noch mit einem Risikopuffer von 7,6 Milliarden Euro.
Das Mühldorfer Projekt ist nicht nur deutlich billiger als der Brenner-Nordzulauf, sondern hat noch weitere Vorteile. Der Ausbau hier ginge einfacher und schneller. Kommunalpolitik und Wirtschaft drängen seit Langem auf die zweigleisige, elektrifizierte Trasse, die in der Bevölkerung kaum umstritten ist. Ganz im Gegensatz zum Brenner-Nordzulauf, der von vielen Anwohnerinnen und Anwohnern vehement abgelehnt wird.
Hinzu kommt: Die Mühldorfer Trasse und die ohnehin anstehende Sanierung der Strecke München – Rosenheim könnten das Projekt Brenner-Nordzulauf weitgehend überflüssig machen. Weil viele Fern- und Güterzüge dann über Mühldorf nach Österreich fahren könnten, was die Rosenheimer Strecke entlasten würde. Die Trasse von München nach Rosenheim wiederum wird 2027/28 und 2031 in zwei Etappen grundlegend saniert. Diese Linie werde, so schreibt die Infrago, „rechtzeitig vor Fertigstellung des Brenner Basistunnels verlässlicher und leistungsfähiger“.
Was aus dem Brenner-Nordzulauf wird, liegt nicht in Händen von Nagl und Bahnchefin Evelyn Palla. Das ist Sache der Bundesregierung und des Bundestags. Die DB Infrago hat hier dem Bundesverkehrsministerium zugearbeitet. „Wir haben unseren Planungsauftrag erfüllt“, erklärte die Infrago Anfang Juli. Wenige Tage später reichte das Verkehrsministerium die Pläne an den Bundestag weiter, der über das Projekt entscheidet. Das Ministerium will den Brenner-Nordzulauf bauen lassen. Man wolle eine „leistungsfähige Schieneninfrastruktur schaffen“, erklärte Staatssekretär Ulrich Lange (CSU) bei der Übergabe der Pläne an den Bundestag. „Der Brenner bindet Europa enger zusammen.“
„Zehn Jahre länger Blockabfertigung und Stau“ Beim Brenner-Nordzulauf dürfte das freilich lange auf sich warten lassen. Mit der Fertigstellung dieser Zulaufstrecke wäre „frühestens Anfang der 2040er-Jahre zu rechnen“ zu rechnen, schreibt der ADAC in einem Report über den Brenner-Tunnel. Das wäre knapp zehn Jahre nach Inbetriebnahme des Brenner-Tunnels, der deutlich mehr Zugverkehr ermöglicht als über den Brenner-Pass. Vor allem mehr Gütertransporte, auch mit längeren Zügen. Was die Autobahn von Innsbruck über den Brenner nach Italien und vor allem die dortige Bevölkerung entlasten soll.
Vor dem drohenden Zeitverzug und weiteren Nachteilen beim Brenner-Nordzulauf hatte bereits vor knapp zwei Jahren ein pensionierter Fachmann der Deutschen Bahn gewarnt. Bei einer Anhörung im Verkehrsausschuss des Bundestags prognostizierte der ehemalige Bundesbahndirektor Gerhard Müller aus Rosenheim, der Brenner-Nordzulauf werde frühestens 2042 fertig sein. Das bedeute „zehn Jahre länger Blockabfertigung und Stau auf der Autobahn“, trug Müller laut Manuskript im Bundestag vor. Der Ausbau der Mühldorfer Trasse könne hingegen, Stand damals, bis 2032 gelingen und so die Strecke München – Rosenheim entlasten.
Auf diese Weise könnten „die meisten von uns eine wirksame Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene noch erleben“. Müller hatte sich bei der Bahn nach eigenen Angaben vier Jahrzehnte lang um Infrastrukturvorhaben gekümmert und war 25 Jahre in leitender Funktion für Großprojekte zuständig gewesen. Unter anderem für die Mühldorfer Trasse und die erste Baustufe des Brenner-Nordzulaufs.“
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